Traumasensible Achtsamkeit_Yogainjeans_traumasensibles Yoga
Yogaliebe

Traumsensible Achtsamkeit im Yoga

Was ist eigentlich ein Trauma? Was genau passiert, wenn ein Mensch ein Trauma erlebt? Wie sieht traumasensible Achtsamkeit aus? Und wieso ist das Thema auch für unsere Yogapraxis so wichtig?

Ich habe bereits während meiner Yogalehrerinausbildung festgestellt, wie viele spannende und interessante Themenbereiche es im Yoga gibt. Das Thema Traumsensibilität, d. h. ein achtsamer, sensibler Umgang mit Trauma, ist eines davon. Da ich mich mit persönlicher Weiterentwicklung beschäftige, führt das zwangsläufig dazu, dass ich mich auch mit meiner eigenen Geschichte auseinandersetze – und meinen eigenen Traumata. Das hört sich vielleicht dramatisch an, aber wie so viele Dinge ist es erstmal wichtig, sich erstmal damit zu befassen, um das Thema richtig einordnen zu können. Daher möchte ich euch in diesem Beitrag einen groben Überblick über diese komplexe und vielschichtige, aber wie ich finde, sehr spannende und wichtige Thematik geben.

Was ist ein Trauma und wie entsteht es?

Klären wir zunächst einmal den Begriff Trauma. Trauma stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Wunde. Genau wie bei einer körperlichen Verletzung, also einer Wunde am Körper, ist ein mentales Trauma nichts anderes als eine seelische Verletzung, die mit einer starken, mentalen Erschütterung einhergeht und durch sehr verschiedene Erlebnisse hervorgerufen werden kann. Ein Trauma entsteht dann, wenn wir eine Situation als so intensiv bedrohlich erleben, aber unser Nervensystem nicht in der Lage ist, dies zu verarbeiten und zu integrieren. Unser Gehirn fährt sozusagen das Notfallprogramm unseres Nervensystems hoch, ohne den Verstand komplett mitzunehmen. Das Ergebnis ist entweder eine Überreaktion des Nervensystems (Fight or Flight – Kämpfen oder Fliehen) oder eine Unterreaktion (Freeze – Erstarren, Zurückziehen). Evolutionsbiologisch ist das natürlich sinnvoll – wenn der viel erwähnte Säbelzahntiger kommt, sollte man nicht lange nachdenken, sondern besser die Beine in die Hand nehmen.

Jede:r von uns ist einzigartig, hat individuelle Erfahrungen und Prägungen erlebt und ist mit unterschiedlich starken mentalen Widerstandsfähigkeiten ausgestattet. Die Resilienz ist bei jedem von uns anders ausgeprägt. Wie unsere innere Welt aufgebaut ist, wie wir aufgewachsen sind, wie unser Nervensystem und unser Gehirn gestrickt sind – all das kann dazu beitragen, dass ein und das gleiche Erlebnis, also der äußere Faktor (zum Beispiel ein Autounfall oder der Tod eines geliebten Menschen) von Menschen völlig unterschiedlich aufgenommen und verarbeitet werden kann – bei einem Menschen führt es zu einem Trauma, bei einem anderen nicht.

Welche Arten von Trauma gibt es?

Wenn wir an traumatische Erlebnisse denken, denken wir an Krieg, Naturkatastrophen, Unfälle mit ernsthaften Verletzungen, Gewalterfahrungen, etc. Diese Ereignisse sind gesellschaftlich als potentiell traumatisch akzeptiert. Oft sind dies Schocktraumata, also Ereignisse, die plötzlich und unvorhersehbar passieren und nicht selten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung einhergehen können – nicht müssen!

Daneben gibt es noch Bindungs- und Entwicklungstraumata. Sie entstehen, wie der Name schon vermuten lässt, in frühen Lebensjahren. Als Kind sind wir abhängig von unseren Bezugspersonen. Wenn diese, eventuell aufgrund eigener traumatischen Erfahrungen, keine oder zu wenig Bindung aufbauen können und/oder dem Kind keine Sicherheit vermitteln können, wird dies vom Gehirn des Kindes als lebensbedrohlich eingestuft. Weitere Auslöser für Bindungs- und Entwicklungstrauma können u. a. direkt oder subtil abgelehnt oder gedemütigt werden, das Gefühl vermittelt bekommen, nicht richtig zu sein, zu laut/zu leise/zu wild, etc. zu sein oder zu früh mit Erwachsenen-Aufgaben betraut wird (z .B. der Aufsicht über jüngere Geschwister).

Auch hier ist wichtig: Es ist sehr individuell und kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, was bei einem Kind zu einem Trauma führt und was nicht – wenn natürlich auch einige Ereignisse, wie Gewalterfahrungen, ein wesentlich höheres Potential dazu haben als andere Erlebnisse. Insbesondere, wenn diese Situation dauerhaft anhält, also über einen längeren Zeitraum in der Kindheit erfolgt, kann dieser inneren Stress im Nervensystem abgespeichert werden und sich später in unterschiedlichsten Ausprägungen zeigen.

Was können die Folgen von Traumata sein?

Dieses Notfallprogramm, egal ob durch Schock- oder Entwicklungstrauma ausgelöst, kann uns im Nachhinein Probleme bereiten – größere oder kleinere. Es ist wie mit einem Programm auf dem Laptop: Das Nervensystem kann sich „aufhängen“ und blockiert uns in Situationen, die unser Nervensystem an das Trauma erinnern. Erste Indikatoren können u. a. sein:

  • Das Gefühl zu haben, nur zu reagieren statt zu agieren, sich fremdgesteuert fühlen
  • Ein permanentes Gefühl der inneren Anspannung und Unruhe, Schreckhaftigkeit und Gereiztheit
  • Verlust von Körperwahrnehmung und -gefühl, sich abgekapselt vom eigenen Körper fühlen
  • flacher Atem, Schlafstörungen, Schwindel, Ohnmacht und Herzrasen

Ganz wichtig: Es können auch andere Gründe für diese Beschwerden als ein Trauma geben! Es sind nur erste mögliche Anzeichen, die einen Hinweis geben können. Final sollte dies immer von einer Expertin/einem Experten abgeklärt werden. Werden schwerwiegende Blockaden nicht gelöst, kann dies langfristig zu Unzufriedenheit bis hin zu Angststörungen und Depressionen führen. Natürlich muss nicht jedes Trauma zu solchen Konsequenzen führen. Wichtig ist, sich selbst zu beobachten und bei Unsicherheit (es kann nicht oft genug erwähnt werden!) lieber dafür ausgebildetete Expert:innen aufzusuchen.

Wie verbreitet sind Traumata in unserer Gesellschaft?

Die Datenlage zum Thema Trauma ist nicht eindeutig, denn Krankenkassen erfassen nur Daten zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) oder anderen, anerkannten affektiven Störungen wie Depressionen oder bipolare Störungen. Bindungs- und Entwicklungstraumata, die in der Psychologie auch als Trauma zählen, werden von den Krankenkasse aktuell noch nicht anerkannt. Wer sich allerdings näher mit dieser Thematik befasst, kann sicher davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschen bereits Traumerfahrungen gemacht hat.

Trauma ist daher ein kein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche Tatsache, die erst in den letzten Jahren nach und nach mehr Aufmerksamkeit bekommen hat und weiter bekommt. Gerade im Kontext von mentaler Gesundheit, Stressbewältigung, Resilienz & Co. Im Yoga, in der all diese Faktoren eine Rolle spielen, darf meiner Meinung nach das Thema der Traumasensibilität nicht außer Acht gelassen werden, insbesondere für Yogalehrende, um traumasensibel und inklusiv zu unterrichten. Natürlich sind Yogalehrende keine Therapeuten und können daher auch keine Therapie in ihrem Yogaunterricht anbieten. Aber mit einer traumsensiblen Yogapraxis und einem achtsamen Umgang mit dem Thema möchte ich den Raum, den ich für meine Schüler:innen gestalte und halte, möglichst sicher machen.

Wie können wir mit Trauma umgehen?

Zurück zum Trauma und seinen Folgen: Wenn wir nicht in der Lage sind, unser Nervensystem so auszubalancieren, dass wir mit diesen Stressoren umgehen können, fehlt uns die Fähigkeit der sogenannten Selbstregulation. Durch Selbstregulation können wir unser Nervensystem zurück ins Gleichgewicht bringen. Tiere sind Meister darin, sich intuitiv selbst zu regulieren: Wenn eine Gazelle nach einer Flucht vor dem Löwen wieder in Sicherheit ist, schüttelt sie sich erstmal – sie löst somit die Anspannung aus dem Gewebe und signalisiert ihrem Nervensystem: It´s all good – wir sind wieder sicher. Das gleiche funktioniert bei uns Menschen übrigens auch: Schüttel dich mal richtig aus, wenn du eine anstrengende Situation hinter dir hast oder, wenn du gerne tanzt: Mach dein Lieblingslied dabei an 🙂 Wichtig ist aber: Achtsamkeitsmethoden oder -übungen können keine Therapie ersetzen, sollte diese notwendig sein – das kann von Trauma zu Trauma und Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Achtsamkeitstechniken, wie du sie gleich kennen lernst, können den Integrationsprozess jedoch begleiten und unterstützen.

Wie zeigt sich traumasensible Achtsamkeit im Yoga?

Traumasensibles Yoga ist keine Yogastil, sondern eine innere Haltung, die als Teil der Yogapraxis wirkt und insbesondere von der/dem Yogalehrer:in (ich verwende nachfolgend nur die weibliche Form, aber alle sind natürlich eingeschlossen 🙂 in den Unterricht eingebracht werden kann. Wichtige Prinzipien der traumasensiblen Achtsamkeit sind, den Schüler:innen Sicherheit und Stabilität zu vermitteln und die Körperwahrnehmung zu stärken. Eine achtsame Yogapraxis kann somit auch zu einer verbesserten Selbstregulation für die Schüler:innen führen: Wenn eine stressige Situation kommt, die mich an eine schmerzhafte Erfahrung erinnert, kann ich lernen, mit gezielten Übungen mein Nervensystem wieder in Balance zu bringen.

Traumsensibilitaet_Traumasensibles-Yoga_Achtsamkeit_Traumsensible Achtsamkeit

Wenn du in einer traumasensibel unterrichteten Yogaklasse bist, dann macht die Yogalehrerin stets Angebote, keine strikt einzuhaltenden Vorgaben, wenn es ums Anleiten der Asanas geht: Niemand muss sich in der Schlussentspannung hinlegen, niemand muss die Augen schließen, wenn er/sie das nicht möchte. Für viele Menschen wirkt es nämlich bedrohlich, wenn sie auf dem Boden liegend die Augen schließen müssen – dann können sie erst recht nicht entspannen. Daher ist es dann besser, anzubieten, die Entspannung im Sitzen zu beenden. Auch gibt die Yogalehrerin stets einen Rahmen der Stunde vor, insbesondere für neue Yogi:nis: Was wird heute gemacht, wie ist der Ablauf? Auch steht sie während der Stunde nicht einfach auf und öffnet das Fenster, sondern erklärt stets, was sie tut: „Ich stehe mal auf und öffne das Fenster.“ Das vermittelt die oben erwähnte Sicherheit, Stabilität und die Orientierung: Jeder weiß, was gerade passiert und was als nächstes passiert.

In den einzelnen Asanas werden die Körperwahrnehmungen gezielt und konkret fühlbar angesprochen. Statt im Krieger II zu sagen „Spürst du die Kraft in den Oberschenkeln?“ kann ein konkreter Wahrnehmungshinweis lauten „Spürst du, wie sich dein Oberschenkelmuskel anspannt? Lege gerne einmal deine Hand dorthin und spüre den Muskel arbeiten.“ So nehmen die Schüler:innen ihren Körper und das, was darin vor sich geht, genauer wahr. Das beruhigt das Nervensystem, da es genau weiß, was vor sich geht. Das führt so zu einer verbesserten Selbstregulation. Wenn du alleine Yoga praktizierst, gibt es mehrere Übungen, die du gezielt einsetzten kannst, um dein Nervensystem zu entspannen. Eine möchte ich dir nachfolgend vorstellen.

Übung für traumasensible Achtsamkeit: Achtsames Wahrnehmen

Das ist eine der einfachsten Übungen, um dein Nervensystem nach einer stressigen, emotional aufwühlenden Situation zu regulieren: Die achtsame Wahrnehmung. So simpel sie ist, so wirksam ist sie.

  1. Atmen: Atme durch die Nase ein und aus – wenn du magst, kannst du die Ausatmung etwas länger werden lassen als deine Einatmung. Lasse den Atem vorrangig in den Bauch ein- und ausfließen. Lege gerne deine Hände auf den Bauch, um die Atmung zu spüren. Eine tiefe Bauchatmung signalisiert deinem Körper, dass alles ok ist. Mach dies für 1-3 Minuten.
  2. Mache einen kurzen Body Scan (1-3 min): Erde deine Füße und wandere dann mit deiner Aufmerksamkeit von den Füßen über die Unterschenkel zu den Oberschenkeln, dann weiter durch die Hüfte in deinen Bauchraum….bis du oben an deinem Scheitel angekommen bist.
  3. Benenne 5 Objekte in deinem Umfeld: Was kannst du sehen? Wie heißen die Objekte, wie sehen sie aus? Wie ist ihre Form, Farbe, Beschaffenheit?
  4. Schüttele dich für 3 Minuten oder klopfe deinen Körper liebevoll mit den Fingerspitzen ab: Spüre diese Berührung, diesen Moment, in dem du gerade nichts anderes tust, als dich zu berühren. Halte dann einen Moment inne, um nachzuspüren.

Ich hoffe, ich konnte dir einen kleinen Einblick in das Thema Traumasensibilität geben und somit dazu beitragen, ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf dieses, wie ich finde, sehr wichtige und spannende Thema zu lenken. Hast du dich schon einmal mit diesem Thema beschäftigt oder eigene Erfahrungen gemacht?

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Unterschrift.png

Bloglovin

Blogverzeichnis - Bloggerei.de



4 Comments

  • Sigi

    Ein sehr interessanter Beitrag liebe Vanessa, ein Thema, mit dem ich bislang noch keine Berührungspunkte hatte. Aber schon frage ich mich etwas. Du schreibst es gibt Bindungs- und Erziehungstraumata (die aus der Kindheit rühren) und so ganz schlimme Dinge wie Krieg, Unfall, Gewalt… Wie sind denn Beziehungssachen/Partnerschaften einzuordnen? Bei einem Freund erlebe ich gerade eine Trennung und meine fast auch, dass er in einem Trauma gefangen ist.
    Danke auch für Deine weitern Erläuterungen, die Ansätze damit umzugehen und den Brückenschlag zum Yoga.
    Das war mal wieder horizonterweiternd.
    Liebe Grüße und schöne Woche
    Sigi

  • S.Mirli

    Liebe Vanessa, obwohl wir wohl alles bereits Erfahrungen mit dem Thema Traumata gemacht haben, haben sich bisher bestimmt nicht viele so genau damit beschäftigt – meine Wenigkeit eingeschlossen. Ich danke dir für diesen wirklich informativen und ausführlichen Beitrag zu einem so wichtigen Thema. Zum Glück werden solche Themen immer „lauter“ in unserer Gesellschaft, denn viel zu lange war das Reden über Schwächen oder Leiden eben ein Tabuthema. Ich danke dir dafür, dass du dieses senisble Thema aufgegriffen hast – auch in Verbindung mit Yoga. Ich wünsche dir einen wunderschönen Sommertag, alles, alles Liebe, x S.Mirli
    https://www.mirlime.at

  • Nicole

    Ein sehr gut geschriebener und vor allem informativer Beitrag. Ich wusste nicht mal, dass es sowas gibt und habe wieder was Neues gelernt :). Ob es natürlich hilft, kann ich schwer beurteilen, aber dass es ein solches Angebot gibt, ist schon mal super. Generell hoffe ich ja, dass wir den Diskurs über Traumata auch ent-stigmatisieren und darüber öfter Reden. Schweigen hilft da niemanden und solche Blogbeiträge tragen auch dazu bei.

    Erstmal: Entschuldigung für meine späte Antwort und noch ein großes Danke für deine lieben Worte Vanessa,

    Moon-Knight soll wohl auch eine 2. Staffel bekommen, keine Ahnung, ob die nach dem Ende wirklich brauche. Da gäbe es jetzt andere Marvel-Serien, wo ich mich über eine Fortsetzung etwas mehr freuen würde, wie Wandavision oder Falcon and the Winter Soldier. Auch Hawkeye fand ich ja ziemlich unterhaltsam.

    • Nicole

      Danke dir für deine lieben Worte Vanessa, das Kompliment und dass du auch meine Artikel immer liest und verfolgst, das bedeutet mir echt viel <3.

      Wie fandest du den The Boys? Die dritte Staffel habe ich nämlich auch gesehen und fand Jensen Ackles natürlich super als Soldier Boy, aber storytechnisch hat man sich in meinen Augen ja leider im Kreis gedreht :/.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner