Island: Zwischen Naturkraft und innerer Ruhe
Es gibt Reisen, bei denen lernst du nicht einfach neue Orte und Menschen kennen, sondern immer auch einen Teil von dir. Vielleicht einen Teil, den du schon lange vergessen hast oder einen Teil von dir, den du noch gar nicht kanntest. Und manchmal erinnern sie dich daran, dass es da noch einen Teil von dir gibt, den du fast vergessen hattest. Und wenn ich an Island denke, dann ist da das junge Mädchen in mir, dass nichts lieber wollte als in dieses Land zu reisen.
Island ist mein Traum seit der 11. Klasse – ich habe sogar hier in einem Blogpost vor 4 Jahren darüber geschrieben. Damals war mein großer Wunsch, ein Auslandsschuljahr dort machen, nur leider war dies für mich nicht möglich. Daher bin ich umso dankbarer, dass ich mir eine Reise dorthin jetzt selbst erfüllen konnte. Ein Geschenk an mein jüngeres Ich, das es kaum glauben kann, dass wir das wirklich zusammen machen (können)! Daher ist auch diese Reise, die ich wie Bali und Portugal allein angetreten habe, eine ganz besondere Reise. Ich schreibe bewusst „allein angetreten“, denn allein gereist bin ich nicht – ich habe die Zeit mit Menschen, verbracht, die diese Reise zu etwas gemacht haben, das ich nie vergessen werde.
Manchmal nimmt das Leben sich viel Zeit, dir deine Träume zu erfüllen, aber wenn sie dann wahr werden, ist es schöner, als du es dir hättest vorstellen können. Daher nehme ich dich jetzt mit auf meine Islandrundreise 🙂
Reykjavík – mehr als nur Startpunkt
Reykjavík ist klein, bunt und fühlt sich sofort vertraut an. Die Häuser leuchten in allen möglichen Farben, und selbst bei grauem Himmel wirkt die Stadt lebendig. Überall locken gemütliche Cafés, in denen der Duft von Zimt dich hineinzieht, und Straßenkunst, die an jeder Ecke kleine Überraschungen bereithält. Besonders gefallen hat mir die Rainbow-Street sowie die Promenade direkt am Meer, die an der großen Oper endet. Das erste Mal in Reykjavík am Wasser zu stehen, den isländischen Wind im Gesicht zu spüren und zu wissen, dass hier und jetzt ein großer Traum wahr wird – das war ein sehr bewegender Moment.


Foodtechnisch ist natürlich vor allem Fisch hier überall frisch zu essen und ich habe meine Passion für Kabeljau entdeckt – einfach köstlich! Zudem war ich in einem veganen Café und habe polnische, homemade Piroggi gegessen – superlecker! Uuuund kein Urlaub ohne den Besuch einer Yogaklasse – daher war ich im Yogastudio Reykjavik Yoga und habe eine tolle Stunde in einem wunderschönen Raum besucht, die auf englisch unterrichtet wurde (sonst wäre ich auch nicht hingegangen :D)



Golden Circle – Der Klassiker, aber zurecht
Der Golden Circle ist vielleicht die bekannteste Route Islands – und ja, er ist touristisch. Ich glaube allerdings, Anfang Juli ist es noch nicht zu voll, denn wir hatten keine Probleme mit Wartezeiten oder zu vielen Menschen. Vielleicht lag es aber auch an unserem Guide Joí, der sein ganzes Leben auf Island verbracht hat und neben den Hotspots auch viele kleine, tolle Geheimtipps und -orte gezeigt hat.
- Þingvellir Nationalpark: Zwischen zwei Kontinentalplatten zu stehen, ist schon ein bisschen verrückt. Das Gelände ist weit und offen, und wenn man Glück hat, hat man ganze Wege für sich allein.


- Geysir und Strokkur: Heißes Wasser, das alle paar Minuten in die Luft schießt. Es riecht nach Schwefel, aber der Moment, wenn Strokkur hochgeht, ist trotzdem jedes Mal „Wow“.


- Gullfoss: Wasser, das so kraftvoll ins Tal donnert, dass man denkt, es könnte die Zeit anhalten. Hier ist Regenkleidung key, sonst durchnässt die Gischt einen komplett!


Südküste – schwarze Strände und mächtige Wasserfälle
Der Süden Islands ist wirklich wie ein Best-of-Album der Natur – es war, als hätte das Wetter gesagt „Und jetzt bringe ich euch noch Sonne, damit die Kontraste zwischen Blau, Grün, Schwarz und Weiß so richtig rauskommen“:
- Seljalandsfoss: Der Wasserfall, hinter den man laufen kann. Nässe garantiert, Gänsehaut auch. Auch hier: Ohne Regenkleidung geht nichts, wenn man die full experience haben möchte 🙂 Ich glaube, von allen war das mein Lieblingswasserfall!


- Skógafoss: Ein sehr breiter und mächtiger Wasserfall – oft mit Regenbogen im Sprühnebel. Wir sind hochgewandert und konnten von oben die Aussicht genießen.


- Reynisfjara: Schwarzer Lavasand, mächtige Wellen, Basaltsäulen, die den Strand einrahmen. Kein Ort zum Baden – aber perfekt, um sich einmal richtig klein zu fühlen. Hier wurde übrigens ein Teil von Game of Thrones gedreht! Die Wellen sind so anders als in Portugal oder auf Bali, was mich total fasziniert hat, denn wenn man sich die Zeit nimmt und das Meer beobachtet (und das liiiebe ich), stellt man fest, dass Wellen und Meer sehr unterschiedlich sein können. Hier an diesem Strand waren sie sehr rau, kraftvoll, tosend – und sehr gefährlich. Die Wellen hier haben so einen Sog, dass sie einen mit gewaltiger Kraft ins Meer ziehen können (nicht umsonst waren überall Warnschilder). Das sah man ihnen auch schon an – und gleichzeitig war es wunderschön, dieses Wellenspiel zu beobachten.



Skaftafell & Falljökull – Eiswelten
Im Skaftafell Nationalpark treffen grüne Täler auf Gletscherzungen. Von hier starten viele Wanderungen, und die Aussicht auf den Vatnajökull – Europas größten Gletscher – ist schon vom Parkplatz aus beeindruckend. Falljökull hieß der Gletscher, auf dem wir unsere dreistündige Gletscherwanderung unternommen haben.
Das Eis wirkt so blau, weil die extrem verdichteten, luftleeren Eis-Kristalle das Sonnenlicht absorbieren, insbesondere die warmen Rottöne, und das blaue Licht zurück streut. Je tiefer und dichter das Eis ist und je weniger Luftbläschen es enthält, desto intensiver ist der blaue Schimmer. Mit Steigeisen und Guide ging es vorbei an kleinen Wasserläufen, die sich durchs Eis schneiden – inklusive Wikinger-Push-Ups, bei denen du das Wasser aus dem kleinen Wasserlauf trinkst. Das isländische Trinkwasser ist übrigens das qualitativ (und geschmacklich!) beste Trinkwasser der Welt.


Das Wetter verwöhnte uns wieder mit Sonne und blauem Himmel und mein Herz war an diesem Ort so voller Dankbarkeit – für die Menschen, die mir schon schnell ans Herz gewachsen sind, die Natur, diese Erlebnisse und das Privileg, diese Orte zu sehen. Sich lebendig fühlen ist das, was es am besten beschreibt – wie rar, wie kostbar ist es, gerade hier auf dieser Erde zu sein. Ja, ist ein bisschen kitschig, aber bei dieser Reise wurde ich so oft von der Natur in Staunen und Demut versetzt, dass unweigerlich merke, wie unfassbar glücklich ich sein kann, hier zu sein.
Jökulsárlón & Diamond Beach – Eis trifft Meer
Jökulsárlón ist eine Gletscherlagune, in der Eisberge treiben, als wären sie auf Weltreise. Manche sind weiß, andere tiefblau. Direkt gegenüber liegt der Diamond Beach, wo Eisschollen am schwarzen Sand glitzern wie Schmuckstücke. Was darf natürlich nicht fehlen? Geeeenau, ein Yogabild.




Ostfjorde – Fjorde, Ruhe und Papageientaucher
Die Ostfjorde sind weniger besucht, aber genau das macht ihren Reiz aus. Kurvige Straßen entlang des Wassers, kleine Fischerorte wie Djúpivogur, und ein Gefühl, als hätte die Zeit hier einfach aufgehört, sich zu beeilen. In Borgarfjörður Eystri konnten wir Papageientaucher sehen – und ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsvogel 🙂




Im Wilderness Center war im gesamtem Umkreis nichts und wir haben auf dem alten Gutshof in the middle of nowhere übernachtet – umgeben von Natur, Wasser, Schafen und Pferden. Diese Stille und Ruhe war herrlich und ich fühlte mich der Natur so unfassbar nah. In diesem Urlaub war die Natur einfach konstant ein Highlight. Und obwohl ich gerne in der Stadt wohne, freue ich mich immer in der Natur zu sein (weswegen ich vielleicht deswegen in einer der grünsten Städte Deutschlands wohne :))

Mývatn & Nordisland – Deep Talk zwischen heißen Quellen
Die Gegend um den Mývatn-See ist vulkanisch geprägt. Es gibt viele Schwefelquellen und Lavafelder und Goðafoss, einen der bekanntesten Wasserfälle Islands. Er wird auch „Wasserfall der Götter“ genannt – beeindruckend schön.

Im Naturbad Mývatn hatten wir die beste Zeit – deeper Girls-Talk über Beziehungen, Familie, das Leben und gesellschaftliche Normen. Unsere Reisegruppe war sehr divers, alle im Alter zwischen 20 und 45, aus den unterschiedlichsten Flecken der Erde: Peking, Bangalore, USA, Hong-Kong, Kolumbien und Deutschland. Und obwohl wir alle an so verschiedenen Orten leben, einten uns oft gleichen Gefühle, Gedanken und Ideen – das ist sicher nicht in jeder Reisegruppe so, aber bei uns war es der Fall.


Eine Reise, diese Eindrücke und Erlebnisse, mit Menschen zu teilen, die so ticken wie du, mit dem gleichen Humor, Werten und Weltanschauung, ist so wunderbar und auch, wenn wir alle wissen, dass die Zeit, die wir zusammen haben, kurz ist, ist sie nicht weniger bedeutsam oder kostbar. Es hat sich so ein guter Klassenfahrt-Vibe entwickelt, mit Insidern und Running Gags – und ich finde, das macht so eine Reise ganz besonders.


Húsavík – Whale Watching
Ich hatte natürlich die klitzekleine Hoffnung, auf unserer Whale-Watching-Tour in Húsavík Wale zu sehen, aber meine Erwartungen waren dennoch eher gering. Natur macht was sie will und entweder haben wir Glück oder nicht – so oder so wollte ich den Tag genießen, auch wenn der Gedanke, dass Island trotz seiner Modernität noch den Walfang erlaubt, mich mit Unverständnis zurücklässt. Das Wetter war jedenfalls wieder bilderbuchmäßig und so fuhren wir mit unserem Boot raus.

Wir hatten einen Anbieter gewählt, der auf den Einsatu von Sonar und andere Technik verzichtet, um die Wale zu finden, da es die empfindlichen Organe der Tiere stören kann. Stattdessen haben wir aufmerksam das Meer beobachtet und nach Möwen, Luftstößen aus dem Wasser oder ungewöhnlichen Bewegungen des Wassers geachtet – und wir hatten Glück. Ein Buckelwal sprang aus dem Wasser.



Es war nur ein Augenblick – und trotzdem ein Bild, das für immer bleibt. Wir haben alle geschrien vor Überraschung und Staunen und es war ein absoluter Gänsehautmoment. Surreal, wunderschön und wieder einer, in dem man realisiert, was es alles Wunderbares in der Welt gibt. Da flossen auch bei mir (und ein paar anderen) ein paar Tränchen, weil mich das so berührt hat – ohnehin hat Island mir in vielen Momenten ein paar Tränen entlockt. Nie aus Trauer, sondern aus aus Rührung, Dankbarkeit und weil manche Momente so überwältigend waren. Das war einer davon.
Westisland entlang und zurück nach Reykjavik
Auf unserem Rückweg entlang Westislands haben wir noch so viele wunderbare Eindrücke, wie die vielen Wasserfälle in Hraunfossar, gewonne, ehe es für uns als Reisegruppe zurück nach Reyjkavik ging. Dort hat sich unsere Gruppe schweren Herzens aufgesplittet – einige reisten am nächsten Tag ab, andere reisten noch weiter – und ich hatte das Glück, dass einige meiner liebsten Reisefreunde noch mit mir nach Snæfellsnes reisen würden und wir noch ein paar gemeinsame Tage in Reyjkavik hatten – mit Karaoke singen, essen gehen im Café Loki, Besichtigung des Penismuseums (ja, richtig gehört – wir haben extrem viel gekichert und es war kulturell sicher fragwürdig, aber äußerst unterhaltsam :)) und durch Reykjavik bummeln 🙂






Snæfellsnes – Island in Miniatur
Die Halbinsel Snæfellsnes wird oft „Island in klein“ genannt – und das stimmt. Kirkjufell, ist der Berg, der aus fast jeder Postkarte Islands zu sehen ist – zurecht! Umgeben von wunderschöner Natur ist dieser Ort wirklich einen Besucht wert. Auch hier gibt es schwarze Strände, die im Nebel wirklich mystisch wirken – an denen man auch Seehunde finden kann. An diesem Tag war es eher bedeckt, ein wenig und gloomy – was nochmal eine ganz besondere Atmosphäre gezaubert hat. Wir hatten echt Glück auf Island, weil wir es bei jedem Wetter erleben durften – auch bei Regen am letzten Tag. Dazu später mehr.






Im Tölt über die Weite Island
Eines meiner aller größten Highlights hatte ich für meinen letzten Tag in Island geplant: Bei Eldhestar habe ich einen wunderbaren Reitausflug auf einem Islandpferd gebucht. Ein weiterer, großer Traum, der war geworden ist. Ich liebe Pferde und auch wenn reiten keines meiner Hobbies ist, mag ich Pferde sehr gerne. Seit meiner Jugend und dem Traum, nach Island zu reisen, stand ein solcher Ausflug ganz oben auf der Liste.
Efjögur hieß mein Islandpferd und wir waren von Anfang an ein Dreamteam – ich wollte ihn gar nicht mehr zurücklassen und hätte ihn am liebsten mitgenommen 🙂 Interessanter Fakt: Wenn Islandpferde einmal Island verlassen haben, dürfen sie nicht wiederkommen. So halten die Isländer die Rasse von Krankheiten fern. Auch andere Pferde dürfen nicht nach Island einreisen. Das Land gehört also den Islandpferden (nicht -Islandponies! Die Isländer legen großen Wert darauf, sie nicht als Ponies, sondern Pferde zu bezeichnen). So oder so – ich finde sie einfach nur knuffig.


Das Wetter war an diesem Tag mehr als verregnet – es hat den ganzen Morgen geschüttet ohne Ende und ich war mir nicht sicher, ob meine Regenkleidung das den ganzen Tag aushalten würde. Aber meine Sorgen war aus zwei Gründen später hinfällig: Zum einen haben wir absolut geniale Regenkleidung vom Reiterhof bekommen. Da ging nichts durch, auch wenn der Stylefaktor natürlich nicht unbedingt mein Herz gewonnen hat. Aber mir war praktische Kleidung alle Mal lieber als gutaussehende 🙂 Zum anderen klarte es gegen Mittag auf und die Sonne kam raus.
Den Tölt auszuprobieren, die besondere Gangart, die u. a. Islandpferde als eine der wenigen Pferderassen beherrschen, war total spannend – es ist wie gleiten, man spürt nahezu keine Erschütterungen und es ist superangenehm und flott 🙂 Ein großartiger Abschluss für eine wundervolle Reisen voller core memories, von denen ich mein Leben lang begeistert sein werde.


Was Island besonders für mich macht
Island ist kein Land, das dich konstant mit Wärme und strahlendem Sonnenschein umarmt wie Griechenland, wo ich drei Wochen zuvor war. Es stellt dich in den Wind, in den Regen, vor Gletscher, vor Wellen. Es ist ein Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, warmen Sonnenstrahlen auf dem Gesicht und kühlem Wind auf der Haut. Beides hat seine Qualitäten, genau die im Leben.
Für mich hat diese Reise, die wirklich eine der schönsten war, die ich in meinem Leben machen durfte, wieder ein Stück mehr von mir offenbart. Für mich war es nach dem Traum, den ich seit 20 Jahre hatte, ein Ankommen, von dem ich früher nie dachte, dass ich es einmal erleben werde. Und auch, wenn nicht alles nach Plan in diesem Leben läuft, wie auch manchmal der Regen und der Wind es dir nicht leicht machen – so ist alles nur temporär. Wie Joí immer sagte: „It´s just weather. Not bad, not good, just part of weather.“ Ich glaube, damit meinte er auch ein bisschen das Leben.



